AGENTIN-YUNA-NEBENAKTE
KAPITEL 002
Die Zeitlinie
Die Inventarisierung geht weiter. Doch einige Jahreszahlen passen nicht zu der Geschichte, die der Keller eigentlich erzählen sollte.
Der Cursor blinkte.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Der Neue wartete.
Nichts geschah.
Auf dem Bildschirm stand weiterhin nur die letzte Einschätzung des unbekannten Systems.
NEW DEVICE DETECTED
CLASSIFICATION...
SPECIES: FELIS CATUS
THREAT ASSESSMENT: LOW
IGNORE
Der Neue sah zu Yuna.
Yuna sah zum Monitor.
Der Veteran sah zu beiden.
„Ich glaube, der Rechner mag die Katze nicht.“
„Er ignoriert sie.“
„Das ist bei Katzen nicht unbedingt dasselbe.“
Der Cursor blinkte erneut.
>
Der Neue trat näher an die Tastatur.
„Ich würde gern herausfinden, was das für ein System ist.“
„Gute Idee.“
„Darf ich?“
„Woher soll ich das wissen?“
Der Neue ließ die Hand wieder sinken.
Das war vermutlich die vernünftigste Antwort, die er an diesem Vormittag bekommen hatte.
Inventarisierung
Sie beschlossen, zunächst das zu tun, weswegen sie überhaupt in den Keller gekommen waren.
Inventarisieren.
Der Neue öffnete auf seinem Tablet die Geräteliste.
Der Veteran öffnete einen Schrank.
Yuna öffnete nichts.
Sie war bereits drin.
„Switch.“
„Welcher?“
Der Veteran las das Etikett.
„Alt.“
Der Neue sah auf sein Tablet.
„Ich habe drei alte.“
„Dann einer davon.“
„Inventarnummer?“
Der Veteran suchte.
„Keine.“
„Seriennummer?“
„Hinten.“
„Kommen wir dran?“
Beide betrachteten das Rack.
Dann die Kabel.
Dann wieder das Rack.
„Nein.“
Der Neue trug ein:
Switch – alt – vermutlich vorhanden.
Er hielt kurz inne.
Dann löschte er vermutlich.
Immerhin stand er direkt davor.
Einige Geräte später wurde die Zuordnung nicht besser.
Ein Switch war im Inventarsystem unter einem Namen eingetragen, der auf keinem Gerät zu finden war.
Ein anderes Gerät besaß zwei Inventaraufkleber.
Ein drittes hatte gar keinen.
Dafür klebte darauf ein Zettel:
NICHT RESETTEN!
„Warum nicht?“
„Weil es danach vermutlich nicht mehr funktioniert.“
„Warum?“
„Sonst würde der Zettel nicht draufkleben.“
Der Neue betrachtete den Veteranen.
Langsam begann er zu verstehen, wie Dokumentation in diesem Raum funktionierte.
2011
Dann blieb er stehen.
An einem der Geräte hatte er schon mehrfach vorbeigesehen.
Diesmal betrachtete er das Etikett genauer.
CORE-SWITCH 2011
Der Neue sah auf den Switch.
Dann zum Veteranen.
Dann wieder auf den Switch.
„Sie sagten, Herr Krüger ist seit 2008 in Rente.“
„Ja.“
„Sicher?“
Der Veteran hob eine Augenbraue.
„Bei der Abschiedsfeier war ich dabei.“
Der Neue deutete auf das Etikett.
„Dann haben wir ein Problem.“
Der Veteran trat näher.
Er betrachtete die Beschriftung.
Lange.
„Nein.“
„Nein?“
„Wir haben eine Jahreszahl.“
„Von 2011.“
„Richtig.“
„Drei Jahre nachdem Herr Krüger gegangen ist.“
„Auch richtig.“
Der Neue wartete.
„Und?“
Der Veteran zuckte mit den Schultern.
„Jemand hat 2011 einen Switch eingebaut.“
„Wer?“
„Offenbar jemand mit einem Etikettiergerät.“
Yuna saß unterdessen einige Meter entfernt auf einem Regalbrett.
Die Menschen hatten eine Zahl entdeckt.
Das schien sie ungewöhnlich zu beschäftigen.
2010–2015
Der Neue fotografierte das Etikett.
Diesmal nicht für die Inventarisierung.
Er hatte begonnen, eine zweite Liste anzulegen.
Ungeklärte Dinge.
Sie war inzwischen länger als die eigentliche Geräteliste.
Er ging weiter.
Am Ende des Raumes standen mehrere alte Schränke. Einer davon war mit einem verblassten Aufkleber versehen.
ARCHIV
2010–2015
Der Neue blieb erneut stehen.
„Da ist noch eine Jahreszahl.“
„Glückwunsch.“
„2010 bis 2015.“
Keine Antwort.
„Herr Krüger war da schon in Rente.“
„Das hatten wir festgestellt.“
„Was wurde hier archiviert?“
„Keine Ahnung.“
„Wer war dafür zuständig?“
„Keine Ahnung.“
„Wer hatte nach Herrn Krüger Zugang zu diesem Raum?“
Der Veteran wollte antworten.
Tat es aber nicht.
Der Neue bemerkte es.
Das war neu.
Bislang hatte der Veteran auf jede Frage eine Antwort gehabt.
Nicht immer eine hilfreiche.
Nicht immer eine befriedigende.
Manchmal bestand die Antwort lediglich aus einem Schulterzucken.
Aber es hatte immer eine gegeben.
Diesmal nicht.
„Sie wissen es wirklich nicht.“
Der Veteran betrachtete den Schrank.
„Nein.“
Zum ersten Mal wirkte der Keller auch auf ihn ein wenig fremd.
Dokumentation
Yuna war inzwischen hinter einem der unteren Regale verschwunden.
Das bemerkte zunächst niemand.
Der Neue versuchte gerade herauszufinden, ob ARCHIV 2010–2015 im Inventarsystem auftauchte.
Natürlich tat es das nicht.
Dann hörte er ein Geräusch.
Papier.
Yuna erschien wieder.
Hinter ihr lag etwas auf dem Boden.
Ein schmaler grauer Ordner.
Der Veteran hob ihn auf.
Auf dem Einband stand:
WARTUNGSBUCH
SERVERKELLER
2004–
Der Neue starrte darauf.
„Dokumentation!“
Der Veteran sah ihn an.
„Freuen Sie sich nicht zu früh.“
Der Ordner wurde auf einem freien Stück Tisch geöffnet.
Tatsächlich enthielt er Einträge.
Die Handschrift war nahezu identisch.
Kurze Notizen.
Sachlich.
Datum.
Maßnahme.
Kürzel.
Dann endeten die Einträge.
„Krüger?“
Der Veteran nickte.
„Seine Handschrift.“
Der Neue blätterte weiter.
Leere Seiten.
Noch eine.
Noch eine.
Dann blieb er stehen.
Mitten auf einer ansonsten leeren Seite befand sich ein einzelner Eintrag.
14.03.2011
Netzwerkstörung behoben.
Core-Switch ersetzt.
Kein Name.
Kein Kürzel.
Der Veteran nahm den Ordner.
„Das ist nicht Krüger.“
„Woher wissen Sie das?“
„Krüger hätte unterschrieben.“
Der Neue sah wieder auf den Eintrag.
„Dann war 2011 tatsächlich jemand hier.“
„Das hatten wir durch den Switch bereits vermutet.“
„Und niemand weiß, wer.“
„Das ist der neue Teil.“
Der Neue blätterte weiter.
Nichts.
Ein kurzer Eintrag.
Archivschnittstelle geprüft.
Keine Maßnahme erforderlich.
Wieder keine Unterschrift.
Nichts.
Archivmigration abgeschlossen.
Legacy-Anbindung beibehalten.
NICHT ÄNDERN.
Der letzte Satz war zweimal unterstrichen.
Der Neue sah zum alten Rack.
„Legacy-Anbindung.“
Der Veteran folgte seinem Blick.
„Sieht so aus.“
„Könnte das der Rechner sein?“
„Könnte.“
„Was hängt daran?“
„Keine Ahnung.“
Der Neue schloss kurz die Augen.
„Ich wusste, dass Sie das sagen.“
„Dann lernen Sie.“
Der Kern
Sie untersuchten das Rack erneut.
Diesmal vorsichtiger.
Hinter einem Kabelbündel entdeckte der Neue einen weiteren kleinen Aufkleber.
Fast vollständig vergilbt.
Nur ein Teil war noch lesbar.
KERN
NICHT AKTUALISIEREN
ABHÄNGIGKEITEN:
UNGEKLÄRT
Der Neue las den Text zweimal.
„Das kann doch nicht die technische Dokumentation sein.“
„Nein.“
Der Veteran deutete auf den Wartungsordner.
„Die liegt auf dem Tisch.“
„Da steht auch nicht mehr.“
„Dann stimmen beide überein.“
Der Neue ignorierte die Antwort.
„Wenn niemand weiß, welche Abhängigkeiten bestehen, müsste man das analysieren.“
Der Veteran sah ihn an.
„Ja.“
„Und dann könnte man das System modernisieren.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Der Veteran deutete auf den Aufkleber.
„Steht doch da.“
„Das ist keine Begründung.“
„In diesem Raum schon.“
Yuna hatte sich inzwischen wieder vor dem alten Monitor niedergelassen.
Der Cursor blinkte noch immer.
>
Das System hatte sich während der gesamten Untersuchung nicht mehr gemeldet.
Der Neue trat daneben.
„Vielleicht können wir hier nachsehen, wer 2011 angemeldet war.“
Der Veteran betrachtete den Bildschirm.
Dann Yuna.
Dann wieder den Bildschirm.
„An dem Rechner, der gerade Ihre Katze inventarisiert hat?“
„Sie ist nicht meine Katze.“
Yuna drehte langsam den Kopf zu ihm.
Der Neue räusperte sich.
„Also technisch gesehen.“
Er berührte schließlich die Tastatur.
Vorsichtig.
> HISTORY
Nichts.
Der Cursor blinkte.
Dann:
UNKNOWN COMMAND
„Immerhin antwortet er.“
Der Neue versuchte es erneut.
> HELP
Pause.
NO
Der Veteran nickte anerkennend.
„Sympathisches System.“
„Sehr hilfreich.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
Feierabend
Nach weiteren zwanzig Minuten beschlossen sie, für diesen Tag aufzuhören.
Die Inventarisierung war nicht abgeschlossen.
Dafür besaßen sie jetzt:
einen unbekannten Core-Switch,
ein unbekanntes Archiv,
einen unbekannten Administrator,
eine unbekannte Legacy-Anbindung,
ein unbekanntes Kernsystem
und einen Wartungsordner, der mehr Fragen beantwortete, als gut für ihn war.
Der Neue fotografierte die relevanten Seiten.
„Morgen sehe ich nach, ob wir alte Zugangsprotokolle finden.“
„Wo?“
„Im Archiv.“
Der Veteran sah zum Schrank mit der Aufschrift ARCHIV 2010–2015.
„Welches?“
Der Neue packte sein Tablet ein.
„Ich hasse diesen Raum.“
„Das geht vorbei.“
„Wirklich?“
„Nein.“
Die beiden Techniker gingen zur Tür.
Yuna folgte nicht sofort.
Sie saß noch immer vor dem alten Monitor.
Der Bildschirm war schwarz bis auf den blinkenden Cursor.
Dann erschienen neue Zeichen.
Yuna bewegte sich nicht.
SESSION HISTORY
2008 .............. ADMIN/KRUEGER
2011 .............. MAINTENANCE
2013 .............. MAINTENANCE
2015 .............. MAINTENANCE
2017 .............. UNKNOWN
2019 .............. UNKNOWN
2022 .............. UNKNOWN
2025 .............. UNKNOWN
Der Cursor blieb stehen.
Eine weitere Zeile erschien.
2026 .............. FELIS CATUS
Yuna betrachtete den Bildschirm.
Dann blickte sie in Richtung Tür.
Die Menschen suchten jemanden, der diesen Raum kannte.