AGENTIN-YUNA-NEBENAKTE
KAPITEL 001
Der Keller
Eine Inventarisierung führt in einen Kellerraum, der laut Dokumentation eigentlich nicht existieren dürfte.
Die Inventarisierung hätte eine Routineaufgabe werden sollen.
Zumindest stand es so im Ticket.
Gesucht wurden einige Netzwerkgeräte, die regelmäßig im Monitoring auftauchten, sich aber weder einem Standort noch einer zuständigen Abteilung zuordnen ließen.
Nach mehreren Stunden, drei unterschiedlichen Netzwerkplänen und zwei davon widersprechenden Excel-Listen führte die Spur schließlich in den Keller.
Dort endete die Dokumentation.
Der Neue blieb vor der Tür stehen und betrachtete sein Tablet.
„Der Raum ist nicht im Gebäudeplan.“
„Doch.“
„Wo?“
Der Veteran deutete darauf.
„Da.“
Der Neue entschied sich, die Antwort nicht weiter zu verfolgen.
Dann fiel ihm der handschriftliche Hinweis auf.
„Wer ist Herr Krüger?“
„Seit 2008 in Rente.“
Was sich hinter der Tür befand, ließ sich nur mit viel Wohlwollen als Serverraum bezeichnen.
Es war eher eine archäologische Ausgrabungsstätte mit Stromversorgung.
Jede Generation von Administratoren hatte etwas hinzugefügt.
Offenbar hatte keine etwas entfernt.
Auf einem Patchpanel standen Beschriftungen wie:
BÜRGERAMT
DRUCKER 2
NEU
ALT
???
NICHT ZIEHEN!
Das Etikett mit der Aufschrift NEU war deutlich vergilbt.
„Wann wurde das hier zuletzt inventarisiert?“
„Vollständig?“
„Ja.“
Der Veteran dachte kurz nach.
„Herr Krüger müsste das wissen.“
Der Neue deutete auf ein Kabel, an dem ein handschriftliches Etikett hing.
WICHTIG!!!
„Wo geht das hin?“
„Weiß keiner.“
„Aber es ist wichtig?“
„Steht doch dran.“
Yuna beobachtete das Kabel.
Der Neue begann, die Geräte mit seinem Tablet abzugleichen.
Ein Switch war vorhanden, aber unter einer anderen Bezeichnung.
Zwei Geräte waren dokumentiert, aber nicht auffindbar.
Drei Geräte waren vorhanden, aber nicht dokumentiert.
Und ein Rack hätte nach sämtlichen Unterlagen überhaupt nicht existieren dürfen.
Natürlich war es genau dieses Rack, das noch eingeschaltet war.
„Der läuft noch.“
„Dann funktioniert er vermutlich.“
„Was macht er?“
„Keine Ahnung.“
„Warum darf man ihn dann nicht ausschalten?“
„Weil er läuft.“
Der Neue öffnete den Mund.
Schloss ihn wieder.
Seine Umschulung hatte ihn auf diesen Teil der Systemadministration offenbar nicht vorbereitet.
Neben dem Rechner stand ein alter Monitor.
Kein Inventaraufkleber.
Keine Dokumentation.
Kein Herstellerhinweis, der dem Neuen etwas sagte.
Nur ein schwarzer Bildschirm.
Der Veteran betrachtete inzwischen das mysteriöse Kabel.
„Das dürfte zu dem Rack gehören.“
„Sie sagten, keiner weiß, wo es hingeht.“
„Jetzt wissen wir es vielleicht.“
Das war für diesen Tag bereits ein erheblicher Fortschritt.
Der Neue schaltete den Monitor ein.
Nur den Monitor.
Auf dem Bildschirm erschien:
SYSTEM RECOVERY...
NODE ............. ACTIVE
NETWORK .......... DEGRADED
EXTERNAL ACCESS .. NONE
UPTIME: 10,742 DAYS
>
„Zehntausendsiebenhundertzweiundvierzig Tage?“
„Passt ungefähr zu Herrn Krüger.“
Der Cursor blinkte.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Der Neue berührte die Tastatur nicht.
Dann erschien eine weitere Zeile.
> HELLO?
Niemand bewegte sich.
„Haben Sie etwas eingegeben?“
„Nein.“
„Ich auch nicht.“
Auf dem Monitor erschienen weitere Zeilen.
Von den beiden Technikern zunächst unbemerkt.
NEW DEVICE DETECTED
CLASSIFICATION...
SPECIES: FELIS CATUS
THREAT ASSESSMENT: LOW
IGNORE
Yuna betrachtete den Bildschirm.
Dann sah sie zum Leser.