Wie ich lernte, Menschen fernzusteuern 🐾
Ich glaube, meine Menschen entwickeln langsam Routinen.
Das ist gut.
Routinen machen Menschen berechenbar.
Und berechenbare Menschen lassen sich wesentlich einfacher verwalten.
Heute Morgen begann deshalb wie inzwischen üblich mit einer meiner wichtigsten Aufgaben:
Personalkontrolle.
Der Wecker klingelt – ich übernehme ⏰
Bei Nicole klingelte der Wecker.
Nun könnte man natürlich glauben, damit sei sichergestellt, dass ein Mensch anschließend tatsächlich aufsteht.
Das ist ausgesprochen optimistisch.
Ein Wecker kann schließlich nur Geräusche machen.
Für eine zuverlässige Funktionsprüfung benötigt man eine Katze.
Also ging ich zu Nicole.
Erst einmal schauen:
Mensch wach?
Sie reagierte.
Gut.
Nächster Test:
Streicheleinheiten verfügbar?
Auch das funktionierte.
Grundsätzlich war das System damit betriebsbereit.
Allerdings muss beim Streicheln eine gewisse Mindestqualität eingehalten werden.
Wird die Aufmerksamkeit dabei zu gering, verfüge ich inzwischen über mehrere Möglichkeiten zur Fehlerbehebung.
Mein Eskalationsmodell
Stufe eins:
Finger.
Ein kleiner Hinweis mit den Zähnen kann erstaunlich schnell dafür sorgen, dass die Aufmerksamkeit des Menschen wieder auf die richtige Aufgabe gelenkt wird.
Sollte das nicht genügen, befindet sich bei Nicole noch ein ausgesprochen interessantes technisches Bauteil.
Der Schlauch ihrer Schlafmaske.
Er bewegt sich.
Er ist länglich.
Und offenbar soll ich ihn nicht mit den Zähnen untersuchen.
Das macht ihn natürlich nicht weniger interessant.
Und wenn wirklich gar nichts funktioniert?
Füße.
Menschenfüße haben sich bereits mehrfach als ausgezeichnete Möglichkeit erwiesen, eine Reaktion hervorzurufen.
Damit verfügt meine morgendliche Personalkontrolle inzwischen über ein vollständiges Eskalationsverfahren.
Normalerweise reicht allerdings Kuscheln.
Meistens.
Moment mal – warum bist DU noch da?
Nach erfolgreicher Inbetriebnahme der Erwachsenen begann meine übliche Morgenrunde durch das Hauptquartier.
Dabei kontrolliere ich inzwischen selbstverständlich, ob sich alles dort befindet, wo es hingehört.
Und dann entdeckte ich eine Abweichung.
Der Sohn war noch da.
Das ist morgens ungewöhnlich.
Normalerweise ist er wegen seiner Ausbildung zu dieser Zeit bereits verschwunden.
Heute nicht.
Also musste ich nachsehen.
Keine Sorge.
Es lag kein Systemfehler vor.
Er hatte Berufsschule und musste deshalb später los.
Das konnte ich natürlich nicht wissen.
Menschen ändern ihre Abläufe manchmal, ohne vorher die zuständige Katze zu informieren.
Organisatorisch besteht hier weiterhin Verbesserungspotenzial.
Nicole hatte übrigens einen Plan ❤️
Inzwischen habe ich noch etwas Interessantes erfahren.
Bevor ich hier eingezogen bin, hatte Nicole offenbar einen Plan.
Bei ihr wurde schon als Kind eine Katzenallergie festgestellt.
Dabei mag sie Katzen sehr.
Deshalb wollte sie vernünftig sein und bei mir bewusst ein bisschen weniger im Mittelpunkt stehen.
…
Das ist niedlich.
Es gibt dabei nur ein kleines Problem:
Mich hat niemand gefragt.
Ich habe Nicole inzwischen längst in meine normalen Abläufe integriert.
Sie wird morgens kontrolliert.
Bei ihr wird gekuschelt.
Streicheleinheiten werden eingefordert.
Und wenn ich ihre Nähe möchte, gehe ich eben zu ihr.
Warum sollte ich meine Personalplanung von irgendwelchen Plänen abhängig machen, die vor meiner Ankunft ohne Beteiligung der zuständigen Katze beschlossen wurden?
Nicole wollte nicht im Mittelpunkt stehen.
Antrag abgelehnt.
Die Luftraumüberwachung meldet Erfolge ✈️
Neben der Betreuung meiner Menschen habe ich natürlich noch andere Aufgaben.
Zum Beispiel die Sicherung des Luftraums.
Vor einigen Tagen hatte ich bereits meinen ersten bestätigten Erfolg gegen eine Fliege.
Meine Menschen hätten das noch für einen Zufall halten können.
Inzwischen sieht die Statistik allerdings anders aus:
Fliege: erledigt.
Motte: erledigt.
Mücke: erledigt.
Drei bestätigte Luftziele.
Damit dürfte endgültig geklärt sein:
Das war kein Zufall.
Ich betreibe aktive Luftraumüberwachung.
Wenn irgendwo etwas summt, flattert oder unerlaubt durch mein Revier fliegt, wird es erfasst.
Dann folgen:
Beobachtung.
Zielverfolgung.
Anschleichen.
Und gegebenenfalls der Einsatz sämtlicher verfügbarer Pfoten.
Meine Menschen können sich währenddessen zurücklehnen.
Die Luftabwehr funktioniert.
Über ein Kondolenzbuch für die Hinterbliebenen wird derzeit noch beraten.
Am Abend machte ich eine wichtige Entdeckung
Bisher habe ich mich bei meinen technischen Untersuchungen hauptsächlich mit Geräten beschäftigt.
Alexa.
Switch.
WLAN-Router.
Steckdosenleisten.
Computer.
Homelab.
Das alles ist interessant.
Aber heute Abend stellte ich fest:
Ich habe viel zu kompliziert gedacht.
Denn das anfälligste System im gesamten Haushalt benötigt überhaupt keinen Stromanschluss.
Es heißt:
Nicole.
Der erste Test
Ich ging zu ihr.
„Miau.“
Nicole reagierte.
Sie begann mich zu streicheln.
Sehr gut.
Also blieb ich da.
Dann sah ich sie an.
Und weil die Streicheleinheiten meinen Anforderungen entsprachen, gab ich ihr ein langsames, zufriedenes Blinzeln.
Das Ergebnis war bemerkenswert.
Totaler Systemausfall.
Nicole war erledigt.
Keine weitere Aktion erforderlich.
Kein Kabel.
Kein Schalter.
Kein WLAN.
Nicht einmal Alexa musste beteiligt werden.
Nur:
Maunzen
↓
Streicheln
↓
langsames Blinzeln
↓
TOTALER SYSTEMAUSFALL ❤️
Ich war beeindruckt.
Offenbar beherrsche ich jetzt NLP
Mein Mensch behauptet, ich hätte damit eine neue Fähigkeit entwickelt.
NLP.
Ich glaube, bei Menschen bedeutet das normalerweise irgendetwas mit Sprache und Computern.
Natural Language Processing oder so.
Das kann hier aber nicht gemeint sein.
Ich habe schließlich kaum etwas gesagt.
Ein einziges „Miau“ genügte.
Danach übernahmen Schnurren, Blickkontakt und Blinzeln.
Deshalb bevorzuge ich eine andere Bezeichnung:
Neural Linguistic Purring.
Die Technologie hat einige entscheidende Vorteile.
Sie benötigt keinen Strom.
Sie funktioniert offline.
Sie benötigt keine Netzwerkverbindung.
Sie ist mit Menschen kompatibel.
Und offenbar lässt sie sich vollständig über eine Katze bedienen.
Vielleicht brauche ich die ganze Technik gar nicht
Das wirft natürlich Fragen für meine weitere Karriere als Systemadministratorin auf.
Bisher dachte ich, ich müsste lernen, wie man technische Systeme kontrolliert.
Aber vielleicht war das nur die erste Ausbildungsstufe.
Alexa in den Installationsmodus versetzen?
Anfängerarbeit.
Switch abschalten?
Interessant.
WLAN deaktivieren?
Lehrreich.
Aber einen Menschen allein durch Anschauen vollständig außer Betrieb setzen?
Das ist Fortschritt.
Meine Menschen sollten diese Entwicklung aufmerksam beobachten.
Denn heute habe ich gelernt:
Der Mensch selbst ist ein angreifbares System.
Und das Beste daran?
Er möchte sogar noch einmal gestreichelt werden.
Tagesbilanz
Damit ergibt sich für heute:
Weckerkontrolle: durchgeführt
Nicole: erfolgreich aktiviert
Streichelbereitschaft: vorhanden
Eskalationsmöglichkeiten: Finger, Schlauch, Füße
Morgenrunde: abgeschlossen
Abweichung beim Sohn: Berufsschule identifiziert
Luftziele insgesamt: drei bestätigt
Nicole wollte Abstand halten: gescheitert
NLP-Test: erfolgreich
Menschlicher Systemausfall: vollständig
Benötigte technische Infrastruktur: keine
Weltherrschaft: macht Fortschritte
Ein ausgesprochen erfolgreicher Tag.
Ich glaube, morgen beschäftige ich mich wieder ein bisschen mit meinen Menschen.
Man sollte neue Technologien schließlich gründlich testen.
Und falls Nicole morgens beim Klingeln des Weckers wieder nicht schnell genug reagiert?
Keine Sorge.
Ich kenne inzwischen mehrere Wege ins System.
🐾 Yuna
Hauskatze, Leiterin der morgendlichen Personalkontrolle, Luftraumüberwachung und Spezialistin für Neural Linguistic Purring