Castle in the Sky 🐾
Es war kurz vor sechs Uhr morgens.
Meine Menschen hatten zu dieser Zeit offenbar noch keine wichtigen Pläne.
Sie schliefen.
Das kann man natürlich machen.
Wenn man keine Verantwortung für ein ganzes Revier trägt.
Ich dagegen war bereits im Dienst.
Und heute Morgen hatte ich eine wichtige Aufgabe:
Es wurde Zeit, mein Zuhause noch ein kleines Stück weiter nach oben zu erschließen.
Es geht immer noch höher
In den vergangenen Tagen habe ich bereits einiges gelernt.
Am Anfang gab es meinen sicheren Rückzugsort.
Dann kamen immer mehr Zimmer dazu.
Ich entdeckte erhöhte Plätze.
Das Schattenarchiv wurde eingerichtet.
Und inzwischen kenne ich mein Zuhause ziemlich gut.
Zumindest dachte ich das.
Denn da war noch dieser Kratzbaum.
Genauer gesagt:
die oberste Plattform.
Ganz oben.
Hoch über dem Boden.
Mit einem erhöhten Rand.
Geschützt.
Gemütlich.
Und mit einem hervorragenden Blick über mein Reich.
Wie konnte dieser Platz so lange unbesetzt bleiben?
Also bin ich hoch
Meine Menschen entdeckten mich schließlich dort oben.
Na ja.
Zunächst entdeckten sie hauptsächlich:
zwei Ohren.
Mehr musste man von mir auch gar nicht sehen.
Ich lag schön hinter dem Rand meiner neuen Plattform und beobachtete die Lage.
Von unten betrachtet war ich kaum zu erkennen.
Von oben betrachtet konnte ich dagegen hervorragend sehen, was meine Menschen machten.
Damit war die Sache entschieden.
Dieser Platz bleibt.
Castle in the Sky 🏰
Ein gewöhnlicher Schlafplatz ist das nämlich nicht.
Dafür ist die Position viel zu gut.
Von hier oben kann ich beobachten.
Mich zurückziehen.
Schlafen.
Und gleichzeitig mitbekommen, was im Revier passiert.
Außerdem kommen meine Menschen nicht ganz so bequem an mich heran.
Ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Ich habe meinem neuen Stützpunkt deshalb einen angemessenen Namen gegeben:
Castle in the Sky
Meine Burg über den Niederungen.
Mit eigener Burgmauer.
Aussicht.
Schlafplatz.
Und natürlich einer Burgherrin.
Mir.
Meine Menschen leben jetzt unter mir
Von hier oben bekommt das Zusammenleben übrigens eine völlig neue Perspektive.
Menschen wirken vom Boden aus ziemlich groß.
Von Castle in the Sky aus?
Gar nicht mehr so sehr.
Da unten laufen sie herum.
Machen Kaffee.
Benutzen ihre Telefone.
Beschäftigen sich mit Computern.
Und gelegentlich schauen sie nach oben, um festzustellen, ob noch eine Katze da ist.
Natürlich bin ich noch da.
Ich überwache euch.
Das ist etwas völlig anderes.
Eigentlich passt das zu den letzten zehn Tagen
Heute wohne ich seit zehn Tagen hier.
Und wenn ich darüber nachdenke, habe ich mein Revier ziemlich systematisch erweitert.
Zuerst brauchte ich einen sicheren Platz.
Dann wurde der Boden erkundet.
Danach kamen die übrigen Räume.
Dann die ersten erhöhten Beobachtungsposten.
Das Schattenarchiv.
Und heute schließlich:
die höchste verfügbare Ebene.
Ich habe dieses Zuhause also nicht nur in der Fläche erschlossen.
Ich habe inzwischen auch die vertikale Infrastruktur übernommen.
Meine Menschen sollten darauf eigentlich stolz sein.
Andere Katzen benötigen für solche Projekte möglicherweise Wochen.
Dabei war ich vor zehn Tagen noch ganz klein
Na gut.
Ich bin immer noch klein.
Aber ihr wisst, was ich meine.
Am 26. August saß ich in meiner Transporttasche.
Fremdes Haus.
Fremde Gerüche.
Fremde Stimmen.
Ich wusste noch nicht, ob ich mich wirklich herauswagen sollte.
Also erst einmal eine Pfote.
Dann die zweite.
Heute liege ich ganz oben auf meinem Kratzbaum und beobachte meine Menschen aus meiner eigenen Burg.
Dazwischen ist ziemlich viel passiert.
Ich habe Papierbälle gejagt.
Meinen Trinkbrunnen akzeptiert.
Schuhe als Kopfkissen entdeckt.
Das Schattenarchiv eingerichtet.
Einen Flauschball einer möglicherweise etwas zu gründlichen Materialprüfung unterzogen.
Das Homelab kennengelernt.
Switch und WLAN-Router auf ihre Reaktion bei fehlender Stromversorgung getestet.
Einen Gaming-PC entdeckt.
Mathematik und Algebra studiert.
Alexa untersucht.
Und inzwischen schlafe ich sogar auf meinen Menschen.
Wenn man das alles zusammenzählt, war meine Probezeit durchaus produktiv.
Und meine Menschen?
Die habe ich natürlich ebenfalls geprüft.
Sehr ausführlich.
Inzwischen kenne ich ihre Stimmen.
Ihre Schritte.
Ihre Gewohnheiten.
Ich weiß, wo ich Streicheleinheiten bekomme.
Ich weiß, bei wem man gut schlafen kann.
Und ich weiß, dass sie wiederkommen, wenn sie einmal weggehen.
Das Wichtigste ist aber:
Ich muss darüber gar nicht mehr nachdenken.
Sie sind einfach da.
Meine Menschen.
Die Sache mit dem Zuhause
Vielleicht merkt man genau daran, dass man angekommen ist.
Nicht an einem bestimmten Tag.
Nicht an einem bestimmten Schlafplatz.
Und auch nicht daran, dass man inzwischen die komplette Wohnung einschließlich ihrer technischen Infrastruktur kennt.
Sondern daran, dass alles selbstverständlich geworden ist.
Ich schlafe hier.
Ich spiele hier.
Ich kuschle hier.
Ich stelle Unsinn an.
Ich werde zurückgerufen.
Ich schnurre.
Und morgens um sechs liege ich eben in meiner Burg und schaue nach, ob unten noch alles in Ordnung ist.
Das hier ist nicht mehr mein neues Zuhause.
Das hier ist mein Zuhause.
Meine Menschen dürfen natürlich weiterhin glauben, dass ich bei ihnen wohne.
Ich möchte ihnen diese Illusion nicht nehmen.
Aber von hier oben sieht die Lage ziemlich eindeutig aus:
Sie wohnen in meinem Reich.
Und Castle in the Sky ist ab sofort dessen höchster Außenposten.
Zumindest vorläufig.
Über mir befindet sich schließlich noch die Zimmerdecke.
…
Warum schaut mein Mensch gerade so besorgt?
🐾 Yuna
Burgherrin von Castle in the Sky, Hüterin des Schattenarchivs und Leiterin der vertikalen Expansion